Europäische Identität – ein totalitärer Begriff - Kommentare Europäische Identität – ein totalitärer Begriff 2011-06-30T07:38:19Z http://www.eurobull.it/Europaische-Identitat-ein-totalitarer-Begriff#comment9986 2011-06-30T07:38:19Z <p>Lieber Markus, lieber Christopher,</p> <p>zunächst einmal vielen Dank für diesen scharfsinnigen und gut strukturierten Artikel!</p> <p>Ich habe jedoch eine Sorge, wenn wir eurer Empfehlung folgen: Identität ist eine Selbsterfahrung, die stetig im Wandel, ein Vielzahl von Regionen und Gruppen mit einbezieht, derer ich mich verbunden fühlen kann. Die Menschen fühlten sich in der Vergangenheit zunächst ihrer Stadt zugehörig, später zusätzlich einer bestimmten Region, dann einer Nation und mit einer zunehmenden Öffnung des Erfahrungshorizontes als Europäer oder sie bezeichnen sich gar als Weltbürger. Es gibt in dieser Reihung kein Entweder oder, jeder muss für sich selbst herausfinden, zu welchem Teil er diesen Begriffen verbunden ist und sich bewusst machen wie sie entstehen.</p> <p>Wir können nicht einzelne Ebenen dieser Reihe, wie die europäische Identität, ausklammern. Integrieren, den Menschen klar machen, in welchem Umfang das Teil ihrer Identität ist durch die Förderung von Austauscherfahrung und Kommunikation innerhalb Europas und über dessen Grenzen hinaus - das ist in meinen Augen der richtige Weg. Wir können dem «totalitären Missbrauchs» des Begriffes nicht mit seiner Entkopplung der anderen Identitätsebenen antworten. Viel wichtiger ist, dass wir den Menschen in der Diskussion um Identität, beispielsweise die Ideengeschichte der Nation vor Augen führen. Die dort auffindbare Ambivalenz von positiver Identitätsstiftung und vielfach aber eben auch ausschließender Elemente muss dargestellt werden. Bringt man letztere Ausschlusstendenzen in den Historischen Kontext des 19. und 20. Jh. muss diese Form der Identitätsstiftung in weiten Teilen ein abschreckendes Beispiel sein.</p> <p>Aus dieser Erfahrung heraus, und die Europäische Idee bietet sehr wohl genug positive Ansatzpunkte zur Überwindung der alten Form von Identitätsstiftung, müssen wir ein in Vielfalt geeintes Identitätsbewusstsein fördern. Die Frage sollte am Ende also nicht heißen: «Fühlst du dich eher als Deutscher oder eher als Europäer?» Sich als Europäer fühlen könnte etwa heißen, sich einer Art und Weise verbunden fühlen auf dem Kontinent Europa mit seinen Gemeinsamkeiten und Unterschieden umzugehen. Gleichzeitig fühle ich mich aber auch als Deutscher. Das halte ich für absolut gewünscht, wobei man auch versuchen muss mit dem Hinweis auf die (Ideen-)Geschichte, den ausschließenden Elementen heutiger nationaler Identitätsbildung entgegenzuwirken.</p> <p>Ich möchte auch davor warnen alle Identitätsebenen auf den Begriff Selbstbewusstsein umzumünzen. Auch dann müsste man auf breiter Ebene auf die Geschichte des Begriffes Identität verweisen. Die Neuschöpfung führt eher in die Falle, dass wir alte Fehler in der Identitätsstiftung vergessen und sie wiederholen.</p> <p>Liebe Grüße aus Berlin, Martin</p> Europäische Identität – ein totalitärer Begriff 2011-06-29T07:37:30Z http://www.eurobull.it/Europaische-Identitat-ein-totalitarer-Begriff#comment9978 2011-06-29T07:37:30Z <p>Genauso wie Identität ist das Selbstbewusstsein ein nach Innen gerichteter Begriff, der das Außen nicht mit einbezieht. Gerade aber in der sich aktuell abzeichnenden partikulär-nationalistischen Tendenz birgt der Begriff Selbstbewusstsein eine ganz andere Gefahr, nämlich den Rückzug auf nationales Identifikationspotenzial. Das wird unter anderem auch dadurch begünstigt, da es de facto keine wirkliche europäische Identität gibt. Unser Wertegerüst wird traditionell als «westliches Wertegerüst» rezipiert, die Identifikation findet vor allem mit Bezug auf Region und Nationalstaat statt. Dies wird durch multiple Faktoren begünstigt. Deshalb würde ich einen anderen Terminus zur Debatte stellen, der in meinen Augen im Zusammenleben, sowohl nach Innen wie auch nach Außen, positiv konotiert ist und weniger Risiken birgt. «Anerkennung» sowohl der europaweit geltenden Werte, als auch der regionalen Unterschiede und der z.B. kulturellen Unterschiede mit unseren Nachbarn. So wäre man wirklich «In Vielfalt geeint».</p>