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Niemals mehr weg

, von  Vincent Venus

Entwicklungen in Transport und Kommunikation machen das Wegsein unmöglich.Bestimmte Rechte vorbehalten von √oхέƒx™

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  • Stellv. Vorsitzender der JEF Deutschland | ehemaliger Chefredakteur | studiert European Public Affairs (M.A.), vorher B.A. European Studies, Maastricht University | Spezialisierung: EU Außenpolitik, Politische Kommunikation

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„Wir sind dann mal weg“ steht auf meinem Abi-Buch. Damals dachte ich, das sei genau, was mich erwarten würde: weg aus Berlin, weg von Familie und Freunden – Kapitel „Jugend“ durchgelesen und das neue aufschlagen. Wie habe ich mich geirrt! Nun, zwei Jahre später, weiß ich, dass ich niemals wirklich „weg“ sein werde.

Wie komme ich zu dieser Schlussfolgerung? Zum einen stehe ich fast täglich im Kontakt mit Schulfreunden; Facebook, Skype und E-Mail machen’s möglich. Das Internet teleportiert mich geistig an den Schreib- oder Essenstisch und erlaubt Gespräche, die fast wie früher sind. Zum anderen bin ich physisch oft in Berlin. Wer bei der JEF aktiv ist, der reist auch viel: Kongresse, Seminar, Klausurtagungen, alles in der Hauptstadt. Dann heißt es ab ins Flugzeug und eine Stunde später erblicke ich den Fernsehturm, wie er die Wolken durchsticht. Wahnsinn.

Zwei Revolutionen haben das Wegsein unmöglich gemacht: Kommunikation und Transport. Früher brauchte ein Brief Tage oder Wochen um von A nach B zu kommen, heute sind es wenige Stunden dank des Übernacht-Express. Zählt man die E-Mail dazu, dann ist es weniger als eine Sekunde. Das ist eine ungeheure Beschleunigung! Beim Transport ist es ähnlich. Lange vorbei sind die Zeiten, als die jungen Männer auf die Walz gingen und erst Jahre später zurückkehrten. Heute jetten Studenten zwischen Studien- und Herkunftsort hin und her. Vor der Erfindung des Autos betrug der durchschnittliche tägliche Bewegungsradius eines Menschen 2,5 Kilometer, heute sind es 35 Kilometer. Der Raum ist geschrumpft.

Was hat das für Folgen? Zum einen haben wir heutzutage viel mehr Möglichkeiten als früher. Zum anderen fällt es aber auch schwerer, sich weiterzuentwickeln: wer stets mit seinem alten Leben in Kontakt steht, der ist dem Neuen weniger aufgeschlossen. Man schleppt folglich immer das Gebäck seiner Jugend mit sich, das einen wirklichen Neustart unmöglich macht.

Dazu kommt, dass nur, weil man nicht mehr weg ist, man nichts zwangsweise da ist. Internet, Hochgeschwindigkeitstransport und der Wunsch nach etwas Neuem verdammen uns in ein permanentes Zwischenstadium. Wo bin ich, wenn ich in Lille in der Bahn sitze und mit Freunden aus Berlin chatte? Wo ist mein Zuhause, wenn ich jeden Monat sowohl in einem Bett in Berlin als auch in Lille liege? Ist dies das Los des mobilen Europäers?

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