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Polen vor der Europameisterschaft

Zwischen nationalem Stolz, geplatzten Träumen und einer ambivalenten Rolle gegenüber der Ukraine.

, von  Niklas Kramer

Mit dem Zug fahre ich nach Warschau. Während die meisten Passagiere am Zentralbahnhof (Centralna) aussteigen, fahr ich weiter nach Warschau-Ost (Wschodnia). Ich will auf die andere Seite der Weichsel nach Praga. Dort steht das neue Nationalstadion Polens, in dem am Freitag um 18:00 Uhr die Europameisterschaft eröffnet wird. In rot-weißen Farben getaucht wirkt das stolze Gebäude gleichsam der Krone des polnischen Adlers, um den neuen politischen und wirtschaftlichen Glanz Polens zu untermauern. Sieht schon schnicke aus.

Das Nationalstadion in Warschau. – Photo: Pjahr, als public domain.

Autoren

  • Mitglied im Federal Committee der JEF Europa | MA European Studies an der Viadrina-Universität Frankfurt Oder

Der Ort ist geschichtlich aufgeladen. Denn genau in Praga legten die sowjetischen Truppen einst ihre Winterpause ein und schauten zu, wie die deutsche Wehrmacht 1944 den Kollektivaufstand der Polen auf der anderen Flussseite gnadenlos niederschlug und die Stadt ausradierte. Nationale Komplexe, die aufbrechen könnten. Vor allem wenn am kommenden Dienstag in Warschau das Gruppenspiel Polen gegen Russland stattfindet. Die polnische Botschaft in Moskau wies bereits die russischen Fans darauf hin, dass Symbole der Sowjetunion, d.h. Hammer und Sichel, in Polen verboten seien. Während viele russische Fans dies mit Humor nehmen, gibt es doch die Befürchtung gegenseitiger Provokationen. So beklagen die Russen bis heute die mangelnde Dankbarkeit der Polen für die in ihren Augen glorreiche Befreiung der roten Armee von Nazi-Deutschland.

Politischer Streit: Moderne Trassen oder eine einzige Baustelle?

Derweil ist ein politischer Streit um die Bewertung der Infrastrukturvorhaben ausgebrochen. Die Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) mit ihrem polarisierenden Wortführer Jarosław Kaczyński wirft der Regierung unter Donald Tusk der Bürgerplatform (PO) vor, die Chance verpasst zu haben, Polen als ein modernes Land zu repräsentieren. Dagegen lässt die Regierung verlautbaren, dass 80% der Infrastrukturpläne pünktlich umgesetzt seien und Polen gut vorbereitet sei. Die linksliberale Wochenzeitschrift Polityka bemüht sich dagegen, um eine objektive Beurteilung: Tatsächlich sei der ein oder andere großmütige Traum geplatzt. Während die Flughäfen in Polen alle weitestgehend modernisiert sind und auch die polnische Bahn relativ vorbereitet scheint, gibt es vor allem im Straßenbau Ernüchterung. Viele Polen machen sich über Tusks Versprechen lustig, dass man von Nord nach Süd und von Ost nach West auf modernsten Trassen werde fahren können. Außer den von privaten Investoren gebauten Autobahnen, der A2 zwischen Świecko und Nowy Tomyśl und der A1 zwischen Grudziądz (Graudenz) und Toruń (Thorn), konnte kein längeres Autobahnteilstück für den Verkehr freigegeben werden. Sonst entstanden nur kurze Abschnitte, u.a. der A4 von Jędrzychowice (Hennersdorf) bis Krzyżowa (Kreisau), der A8 – die Umgehung von Breslau, der A1 von Rybnik bis Żory (Sohrau), der A4 von Gliwice-Sośnica bis Zabrze-Maciejów und eine Reihe von Schnellstraßenabschnitten. Man befürchtet nun ein Verkehrschaos, wenn sich bei einem möglichen andauernden Erfolg der deutschen Mannschaft, viele motorisierte deutsche Fans spontan entscheiden werden, ihrem Nachbahrland einen Besuch abzustatten.

Während in Städten wie Breslau (Wrocław), Posen (Poznań) und Danzig (Gdańsk) vieles schön aussieht, wird sich vor allem die Hauptstadt als Baustelle mit Verkehrsproblemen zeigen. Genau auf dem Plac Defilad (Paradeplatz), wo sich die Fifa für die Fanzone entschieden hat (Interessant im Übrigen, wo sich die Fifa überall die Mitsprache vorbehält), zeigen sich große Abstellflächen für den Bau der zweiten Warschauer U-Bahn. Die zweite Linie sollte bis zur Euro fertig werden, jetzt heißt im Warschauer Rathaus, dass es noch bis 2013-2014 dauern dürfte. Die Warschauer selber haben ohnehin nicht an eine frühe Fertigstellung geglaubt. Auch sonst ist das Zentrum der Stadt an der Weichsel überall aufgerissen und die eine oder andere Straße wird während der Europameisterschaft gesperrt bleiben.

Politische Geschlossenheit?

Am vergangenen 4. Juni, dem Jahrestag der ersten freien Wahlen des polnischen Parlamentes (Sejm) nach Ende des kommunistischen Regimes, lud Tusk alle ehemaligen nichtkommunistischen Premierminister zu einem gemeinsamen Abendessen ein, um politische Geschlossenheit zu demonstrieren. Der geschiedene Präsident des Europaparlamentes Jerzy Buzek lobte die Anwesenheit von Oppositionsvertreter und die gute Atmosphäre des Treffens, wobei die Europameisterschaft im Zentrum der Gespräche stand. Tatsächlich hatten jedoch die ehemaligen Premierminister und Vertreter des rechten Oppositonsblock Kaczyński (PiS) und Jan Olszewski (u.a. Liga der polnischen Familien LPR) der Einladung im Vorfeld eine Absage erteilt. Dies zeigte erneut die tiefe politische Spaltung des Landes. Die junge und aufstrebende antiklerikale Protestpartei Bewegung Palikot (Ruch Palikot RP) wartete derweil mit einer provokanten Medienkampagne auf. Der RP Vertreter Jaroslaw Milewczyk sagte: „Wir haben einen Reisegutschein von 17.000 Złoty für den Vorsitzenden der PiS vorbereitet und bitten darum, dass dieser während der Europameisterschaft Polen verlässt und in den Urlaub fährt. Das ist genug für eine schöne Reise- das Ziel kann er sich auch aussuchen“. Der idealistisch-patriotische ehemalige Solidarność Aktivist Kaczyński steht in der Kritik immer wieder ein peinliches und verbohrtes Licht auf Polen zu werfen.

Ambivalente Rolle gegenüber dem Partnerland Ukraine

Für weiteren politischen Zündstoff sorgt die Frage, wie sich Polen und seine politischen Repräsentanten gegenüber dem zweiten Gastgeberland, der Ukraine, verhalten sollen. Während Kaczyński eine härtere Haltung einfordert, will die Regierung zweigleisig fahren. Bereits im Vorfeld hatte sich Tusk von den immer lauter werdenden Boykottaufrufen distanziert, dies gleichzeitig aber mit Warnungen an die Führung der Ukraine verbunden. Der polnische Präsident Bronislaw Komorowski sagte am Dienstag, dass er sich selbstverständlich mit seinem ukrainischen Amtskollegen Viktor Janukowitsch zur Eröffnung und zum Finale treffen werde. „Es ist die Eröffnung der Euromeisterschaft. Es ist ein Fest des Fußballs für Polen und für die Ukraine. Es gibt sicherlich Gelegenheit über Themen von unterschiedlichem Interesse zu reden, aber insgesamt soll es doch ein Fest des Fußballs werden“, sagte Komorowski. Im Bezug auf die in den Medien stark diskutierte Internierung von Julija Timoschenko sagte er, dass Polen mit allen politischen Gruppen den freundlichen Kontakt suche. Bereits am Montag hatte er sich mit dem ukrainischen Oppositionsführer Arsenij Jaceniuk getroffen. Komorowski ließ verlautbaren, er habe diesem gesagt, dass die Parlamentswahlen im Herbst ein sehr wichtiger Kampf um die Zukunft und die mögliche westliche Annäherung der Ukraine sein werden. Es könnte jedoch schädlich sein, wenn man im Vorfeld sein ganzes Pulver verschieße.

Das offizielle Lied der Europameisterschaft

„Koko, Koko, Euro, Spoko“ – viele Fans hat das Lied nicht.

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