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Von wegen internationale Finanzszene!

– petits billets de Paris I -

, von  Frank Stadelmaier

Das preußische 7. Kürassier-Regiment greift die französischen Stellungen in der Schlacht von Mars-la-Tour am 16. August 1870 an. – Zeitgenössische Darstellung aus Canadian Illustrated News, 19 November 1870, vol.II, no. 21, 336.

Autoren

  • Doktorand in Internationalen Beziehungen (Politikwissenschaft) an der Ecole doctorale de Sciences Po Paris. Mitglied der Jungen Europäischen Bewegung Berlin-Brandenburg und der Jeunes Européens Sciences Po.

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Ich lebe nun schon einige Jahre in Paris. Ein Deutscher in der französischen Hauptstadt, das hat Tradition. Nicht immer war es einfach – die Perioden 1814/15, 1870/71, insbesondere 1940-44 sind sicher nicht in bester Erinnerung geblieben. Auch gab es bekanntermaßen viele – bekannte und unbekannte – Emigranten, deren Beziehungen in die deutsche Heimat nicht immer einfach waren; von der sauerstoffarmen langen deutschen Restauration und Reaktion im 19. Jahrhundert zu ganz offensichtlichen (zum Beispiel jüdischen) Fällen vor siebzig Jahren. Das alles ist zum Glück vorbei. Deutschland und Frankreich befinden sich im Zentrum der Europäischen Union; Paris ist heute nicht mehr Freiheitsversprechen als Berlin.

Meist klappt es auch im Alltag. Aber nicht immer! Man sollte die nach wie vor im Täglichen bestehenden kleinen, nervenraubenden Hürden eines transeuropäischen Lebens nicht unterschätzen. Letztens zum Beispiel wollte ich per Onlinebanking von meinem deutschen Konto eine Summe Zahlungsmittel auf mein französisches Konto überweisen. Kein Problem: gleiche Währung, Binnenmarkt, BIC und IBAN… Pustekuchen! Meine Bank in Deutschland, eine wohlgemerkt große, international aufgestellte, nicht einmal in Deutschland heimische Onlinebank, hat sich folgendes überlegt, um dem Gedanken elektronisch-modernen, grenzenlosen, europäischen Lebens entgegenzuwirken: damit ich eine bescheidene, aber doch mir eigene, Geldsumme an diesen dubiosen Empfänger im europäischen Ausland, nämlich mich selber, überweisen darf, brauche ich ...eine deutsche Mobilfunknummer! Richtig, eine 0170, 01522, oder weiß Gott wie weit die Nummernvergabe inzwischen fortgeschritten ist.

Denn: Es handelt sich ja nicht um eine gewöhnliche Überweisung im vertrauenswürdigen deutschen Inland, da reicht eine gewöhnliche TAN-Nummer aus dem von der Post vor Urzeiten zugesandten TAN-Block. Nein, es geht ja um eine Auslandsüberweisung. Und da soll ich bitte die sichere mTAN benutzen, die sofort auf mein Handy gesandt wird, ich muss nur schnell eben die Nummer eingeben. – Jaha, hab ich aber nicht! Seit telefonieren mit einer französischen Nummer in Deutschland preislich erträglich geworden und simsen praktisch gar kein Problem mehr ist – dank der EU-Regelung – habe ich keine deutsche Mobilnummer mehr, wozu auch? Tja, anscheinend um meiner Bank zu beweisen, dass ich ein real existierender deutscher, jawohl: echt germanischer, Internetnutzer bin, der wirklich, ja: wirklich, auf ein dubioses Konto in Frankreich (Frankreich!) überweisen möchte.

Hallo? „Ausland“? EU? Binnenmarkt? Was denn nun? – Bei meiner tollen internationalen Onlinebank wohl noch „Teutschland“… 1871 lässt grüßen.

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