Sehr geehrte türkischstämmige Abgeordnete,
ich vermag mir nicht vorzustellen, welche Gedanken Ihnen dieser Tage durch den Kopf gehen. Anonyme Todesdrohungen und Beleidigungen haben Sie quer durch alle Fraktionen über soziale Netzwerke erhalten, regierungstreue Zeitungen veröffentlichen Fotos von Ihnen und Ihren Kindern. Und das nur, weil Sie Ihre Stimme für eine Resolution abgegeben haben, deren Inhalt seit vielen Jahren von Historikern unbestritten ist: die Massenvernichtung der Armenier in den Jahren 1915/1916 war ein Völkermord.
Bereits vor mehr als einem Jahr habe ich über den sprachlichen Umgang Deutschlands mit dem Massaker geschrieben, das sich 2015 zum einhundertsten Mal jährte. „Ein Völkermord ist ein Völkermord“ hieß der Text, da Bundespräsident Joachim Gauck, die Bundesregierung und Bundestagspräsident Norbert Lammert damals den Begriff zum ersten Mal verwendet hatten. Ein weitreichender politischer Eklat blieb erstaunlicherweise aus.
Doch nach der Verabschiedung der Resolution äußerte sich nun auch der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan – auf eine Art und Weise, die mich sprachlos werden lässt. Ihr Blut sei verdorben, und mit dem Türkentum hätten Sie als (türkischstämmige!) Abgeordnete nichts gemein. Diese Worte übertreffen bei weitem alles, was ich mir in den letzten Jahren an geschmacklosen Äußerungen von Politikern anhören musste. Sie sind durch nichts zu rechtfertigen. Entsprechend scharf fiel im Gegenzug die Zurückweisung durch Norbert Lammert aus: „Jeder, der durch Drohungen Druck auf einzelne Abgeordnete auszuüben versucht, muss wissen, er greift das ganze Parlament an.”
Erdrückend schwer wiegt dagegen das Schweigen der Bundesregierung. Bundeskanzlerin Angela Merkel nannte Erdogans Kritik lediglich “nicht nachvollziehbar”. Sehr geehrte Abgeordnete, bitte seien Sie versichert, dass seine Worte weit mehr waren. Sie waren faktisch inkorrekt, bewusst verletzend, hasserfüllt und erniedrigend. Jedoch sagen sie somit mehr über die Politik Erdogans (und vielleicht auch über den Menschen Erdogan aus) als über Sie.
Mir ist bewusst, dass Sie gerade eine schwierige Woche erleben, und dennoch bitte ich Sie: Lassen Sie sich von dem Hass und der Missachtung nicht entmutigen, sondern treffen Sie weiterhin die Entscheidungen, die Sie als richtig erachten. Auf die Meinungsfreiheit und gesellschaftliche Vielfalt in Deutschland können wir stolz sein, und mit ihrer couragierten Arbeit tragen Sie jeden Tag dazu bei.
Mit besten Wünschen,
Nathalie Bockelt
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