Die Frauenfrage bleibt unbeantwortet
Der spät erzielte Erfolg des Frauenstimmrechts lag keineswegs an mangelnder Rebellion seitens der Frauen. Ganz im Gegenteil: Die Genferin Marie Goegg-Pouchoulin gründete schon 1868 die Association internationale des femmes und verfolgte mit ihrer Organisation schon früh die Ziele der Gleichstellung von Frau und Mann. Auch das Stimmrecht für Frauen war schon von Anbeginn eine von Goegg-Pouchoulins Forderungen. Dass die Schweizerinnen darauf noch ein gutes Jahrhundert warten müssten, hätte sie sich in ihren Alpträumen wohl nicht erdenken können.
Ihr Erbe und die Hoffnungen auf Mitsprache wurden auch nach ihrem Tod weitergelebt, wenn auch zunächst mit eher bescheidenen Ergebnissen. Der erste Durchbruch gelang der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz 1904 in ihrem Parteiprogramm. So forderten sie dort die „Gleichstellung der Frau mit dem Manne im öffentlichen und Privatrecht“.
Ab 1912 war dieser Punkt auch Kernthema der Idee einer grundlegenden Veränderung der schweizerischen Gesellschaft. Es folgte die Forderung nach einem kantonalen Stimmrecht. Zahlreiche Anträge von Frauenrechtsvereinen auf das Frauenstimmrecht wurden in den folgenden Jahren abgelehnt, Gegner und sogar auch Gegnerinnen hielten die Trennung von Geschlechterrollen als unabdingbar.
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Auffällig dabei ist, dass die Gegnerinnen ebenso wie die Befürworterinnen häufig aus der gebildeten Oberschicht kamen, die Sozialisation und der Status jedoch konträr waren. Gegnerinnen genossen vor allem hohe politische Anerkennung und Prestige. Sie hatten Angst, diesen Status zu verlieren. Politisch konnte man sie eher rechtskonservativ verorten.
Menschenrechte ja, aber bitte nur für Männer
Den ersten Höhepunkt auf dem Weg zum Frauenstimmrecht bildete der geplante Beitritt der Schweiz zur Europäischen Menschenrechtskonvention im Jahr 1961. Menschenrechte gleich Frauenrechte? Der Bundesrat, die Regierung der Schweiz, sah dies damals nicht so: Der rasche Beitritt wäre aus wirtschaftlichen Gründen nötig gewesen und die essentiellen Rechte für Frauen eine Lappalie, die getrost auf später verschoben werden könne. Ganz nach dem Motto „aufgeschoben ist nicht aufgehoben“.
Der langersehnte Durchbruch
Die Schweizer Frauen ließen sich das nicht gefallen und protestierten - diesmal mit Erfolg. Am 7. Februar 1971 kam es zu einer Volksabstimmung, bei der die männlichen Schweizer mit 65,7 Prozent für die Einführung des Frauenwahlrechts stimmten. Dabei blieb allerdings die Frage bestehen, ob dieses Ergebnis aus Respekt vor den Frauen oder doch vielmehr aus wirtschaftlichen und internationalen Interessen erzielt wurde.
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Ganze acht Kantone verpassten den Fortschritt der Emanzipation an diesem Tag jedoch und zogen erst allmählich nach. 1990 schaffte es dann auch Appenzell Innerrhoden der Realität gerecht zu werden und führte als Schlusslicht das Frauenstimmrecht ein.
Endlich am Ziel?
Gute 25 Jahre später folgt auf das Frauenstimmrecht das Gleichstellungsgesetz, um explizit gegen Diskriminierung sowohl im öffentlichen, als auch im privaten Raum vorzugehen. Dann könnte man inzwischen durchaus annehmen, dass die Frauen in der Schweiz jetzt mit dem Mann gleichberechtigt sind?
Obwohl die Schweiz vor kurzem 50 Jahre Frauenstimmrecht gefeiert hat und Männer und Frauen spätestens seit dem Gleichstellungsgesetz rechtlich gleichgestellt sind, sieht die Realität anders aus. Während mehr Frauen als Männer im Durchschnitt eine höhere Schulbildung abschließen, nämlich ca. 38 Prozent im Vergleich zu 28 Prozent, sind Frauen überrepräsentiert im Niedriglohnsektor und unterrepräsentiert in hohen Managementpositionen.
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Grund dafür ist unter anderem, dass Frauen öfter ihren beruflichen Werdegang im Zuge der Familiengründung unterbrechen und häufiger in Teilzeit arbeiten als Männer. Die Kernessenz dieser gesellschaftlichen Unterschiede ist strukturell bedingt und orientiert sich noch an jenem Frauenbild, welches Frauen als das sogenannte „schwache Geschlecht“ darstellt.
Die aktuellen Statistiken zeugen eben davon, dass patriarchale Strukturen nicht innerhalb von 50 Jahren mit der Zeit oder mit neuen Gesetzen „verschwinden“, sondern proaktiv angegangen werden müssen. Gerade auch die Repräsentation von Frauen auf politischer Ebene, wie im Nationalrat, ist mit einem prozentualen Anteil von 38,5 Prozent noch ausbaufähig und auch ausbaunötig.
Und was hat das jetzt mit Fußball zu tun?
Frauenfußball und „normaler Fußball“: Allein diese Wortwahl zeigt eigentlich schon auf, inwiefern der Fußball ein Spiegel von gesellschaftlichen geschlechtsspezifischen Differenzen ist.
In der Schweiz ist es Frauen auch erst seit 1968 überhaupt erlaubt, Fußball zu spielen. Und auch diesen Schritt mussten sich die Frauen eigens erkämpfen. Nach jahrzehntelangen inoffiziellen „Grümpelturnieren“ erfolgte schließlich am 23. Februar 1968 die Gründung des ersten offiziellen Damenvereins , als Ursula und Trudy Moser mit 19 und 15 Jahren mit ihrem Vater Franz den Damen-Fußball-Club Zürich gründeten.
Sexistische und misogyne Kommentare blieben auch dem Frauenfußball nicht fern, so hatten nicht nur die Funktionäre in der Schweiz den glorreichen Einfall, aus Angst vor Brustkrebs bei Ballannahmen Eisen-BHs einzuführen. Auch in Deutschland wurde heftig über die Einführung eines Brustpanzers diskutiert.
Seit der Gründung der ersten Frauenfußballliga 1970, bekam der Sport immer mehr mediale Aufmerksamkeit, doch vorwiegend in den USA. Während die Männerfußballer Millionen verdienen, gibt es bei den Frauen - vor allem in der Schweiz - noch etliche Halbprofis, die neben ihrer Fußballkarriere ein zweites Standbein brauchen. Somit muss dann für eine WM-Teilnahme, wofür die Schweizerinnen sich 2015 erstmals qualifizierten, Urlaub genommen werden.
Einer Professionalisierung des Sports steht dies immer noch im Weg. Es wird dabei keineswegs erwartet, die Gehälter der Herren genauso zu übernehmen, denn wie auch die Schweizer Kapitänin Lia Wälti betont: „Kein Mensch ist so viel wert wie ein Fußballer verdient“. Es geht um den Wunsch, als Fußballerin auch von dieser Arbeit leben zu können.
Die Heim-EM ist jetzt die Chance, den Fußball auch in der Schweiz weiterzuentwickeln und generationsübergreifend die Begeisterung zu entfachen. Nachdem die EM 2022 in England den Frauenfußball dort in eine andere Liga katapultiert hat, ist es spätestens seit dem erstmaligen Achtelfinaleinzug der Nati auch den Schweizerinnen gelungen, ihr Land mit in den Fußballbann zu ziehen.
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Somit ist man dem Wunsch nach Anerkennung und Förderung des Schweizer Frauenfußballs vielleicht einen Schritt näher gekommen. Junge Fußballbegeisterte, egal welchen Geschlechts, tragen bereits jetzt die Namen Wälti, Crnogorčević oder Reuteler auf ihren Trikots.




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