Kollektive Arbeitslosigkeit nach der Uni

Arbeitslosenhoch unter Uniabsolvent*innen

, von  Ramona Schnall

Kollektive Arbeitslosigkeit nach der Uni
Diejenigen, die die „Jobokalypse“ besonders betrifft, sind Wissenschaftsarbeiter*innen, jene, die mit Wissen, seiner Verbreitung und Herstellung arbeiten. Bild: Getty Images | FatCamera | bearbeitet mit Canva Pro | Canva Pro Lizenz

Die Arbeitslosenzahlen unter Uniabsolvent*innen sind auf einem Hoch. Wirtschaftliche Unsicherheiten und technologische Umbrüche führen zu einem Einstellungsstopp. Dies hat sowohl für die betroffenen Menschen als auch langfristig für die Wirtschaft negative Folgen.

“Unemployably unemployed”, das ist, was ich mit ironischem Lächeln meinen Freunden antworte, wenn sie fragen, wie es mir geht.

Ich bin vierundzwanzig, habe einen Bachelor in International Studies, also irgendwas mit Wirtschaft, Politik, Geschichte und Arabistik, mehrere Praktika, Auslandserfahrung, ein Ehrenamt und eine Flut an Jobabsagen in meinem E-Mail-Posteingang.

Während meines Studiums rühmten sich meine Dozent*innen mit der Zukunftsfähigkeit meines Studienganges, mit dem interdisziplinären Skillset, mit ersten unschlagbaren Berufserfahrungen im Consulting, mit denen sie mich ausstaffierten.

Doch nach Monaten nervenzerreibender Jobsuche, klingen sie wie dreiste Lügen, die mitten in mein Gesicht klatschen. Ein Gesicht, das, desto länger die Absagen in meinem E-Mail-Posteingang dümpeln und sich dort versonnen mehren, in eine tränenunterdrückende Grimasse abrutscht.

Inzwischen beobachte ich an mir, wie die höhnende Stimme meines inneren neoliberalen Teufels lauter wird: Hättest du mal etwas anderes studiert, hättest du mal mehr Praktika gemacht, und überhaupt, was ist mit Ehrenämtern, du egoistische Heuchlerin.

In den letzten Monaten musste ich erfahren, wie sehr die finanzielle Abhängigkeit, das Zurückziehen zu den Eltern, der Kampf ums Arbeitslosengeld und der Bewerbungsmarathon einen in depressionsähnliche Zustände katapultieren können. Und dabei ist mir bewusst, dass es mich immer noch vergleichsweise gut erwischt hat, denn ich bin gesegnet mit Eltern, zu denen ich zurückziehen kann.

Der Trost, an den ich mich klammere: Ich bin nicht alleine, denn wir befinden uns laut Financial Times in der Jobokalypse.

Junge Akademikerinnen immer öfter arbeitslos

2,9 % aller Akademiker*Innen sind arbeitslos. Ein Cocktail aus Inflation, Handelskriege, Konjunkturkrise, den USA als zunehmend unzuverlässigen autoritären Partner, einem russischen Angriffskrieg an der Türschwelle der EU, Kürzungen im Sozialbereich, Entwicklungshilfe und Demokratieförderung führt zu wirtschaftlichen Angstzuständen und so auch zu einem generellen Anstieg der Arbeitslosigkeit.

Besonders ist die Arbeitslosigkeit unter Akademikerinnen gestiegen – um die 19 % laut Arbeitsamt. Im Vergleich: Die Arbeitslosigkeit insgesamt – in Ausbildungsberufen und Akademikerinnen – stieg lediglich um 7 %. Im Schnitt müssen wir 40 Bewerbungen verschicken, bis wir zum ersten Bewerbungsgespräch geladen werden, und dann bedeutet ein Vorstellungsgespräch noch lange keine Garantie für den Weg aus der Bewerbungshölle und hin zu einem gesicherten Einkommen.

Wirtschaftliche Unsicherheit führt oft zu einem Einstellungsstopp. Jedoch steht ein neuer Endgegner auf dem Spielfeld: KI. Nicht nur vernichtet sie ganze Jobprofile wie die der Dolmetscher*in, Flugbegleiter*in oder Historiker*in, sondern macht auch die Einstiegsjobs, für die junge Akademiker*innen qualifiziert sind, überflüssig. Denn KI erledigt die gleiche Arbeit, für die wir eingestellt wurden.

Und so sind Einstiegsjobs deutlich zurückgegangen. Das Jobportal StepStone wertete im August 4 Millionen Anzeigen aus und kam zu dem Ergebnis: Die Anzeigen für Jobs mit unter 5 Jahren Berufserfahrung liegen 2025 45 % unter dem Durchschnitt der letzten 5 Jahre. Sogar während der Pandemie 2020 war der Anteil höher.

Nicht alle akademischen Berufe sind gleichwertig von diesem Einstiegsjobexodus betroffen. Naturwissenschaftler*innen, Medienschaffende, Geisteswissenschaftler*innen und ITler leiden besonders. In den USA ist die Einstellungsquote von ITlern so niedrig wie seit den 1980ern nicht mehr. Angehende Bibliothekar*innen und Lehrer*innen hingegen baden noch in relativer Sicherheit.

Diejenigen, die es besonders betrifft, sind Wissenschaftsarbeiter*innen, jene, die mit Wissen, seiner Verbreitung und Herstellung arbeiten. Denn laut Aneesh Raman, Chief Economic Opportunity Officer bei LinkedIn, sind nicht nur Einstiegsjobs durch KI an ihrem Ende, sondern die gesamte Wissenswirtschaft. Und wir, junge Absolvent*innen und Arbeitnehmer*innen von Wissenshochburgen, stehen vor einer gänzlichen Umstrukturierung der Wirtschaft.

Die Miskalkulation der Unternehmen

Quelle: Treffpunkt Europa

Einziger Denkfehler der großen Unternehmen: Nicht nur für das Wachstum benötigt mensch neue Arbeitende, sondern auch schlicht für den Fortbestand eines Unternehmens jeder Art.

Ohne junge Arbeiter*innen, die die Älteren ablösen, bedeutet das das Aussterben des Unternehmens. Heute schon haben wir einen Generationenwandel in der Unternehmensstruktur, der einer Diamantenform ähnelt. An ihrer Spitze steht der CEO, in der Mitte ein großer Bauch aus erfahrenen Arbeiter*innen und unten die wenigen jungen Arbeitenden, die durch Einstiegsjobs die Erfahrung der Älteren sammeln.

Lösen kann man diesen Mangel an nachrückendem Personal nur, wenn mensch das Rentenalter erhöht – etwas, mit dem der deutsche Bundeskanzler auch am Flirten ist – oder indem mensch schlicht junge Arbeitende einstellt. Oder in dem mensch einfach Absolvent*innen entweder in der Uni oder später im Beruf mit dem Skillset ausstattet, das man in der Arbeitswelt benötigt.

Welche Universitäten einen solchen Ansatz heute schon verfolgen oder welche weiteren Wege es gibt, sich gegen die Jobocalypse zu helfen, erfahrt ihr im nächsten Artikel.

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