Mit Tampons gegen das Patriarchat

Ein Kommentar

, von  Ramona Schnall

Mit Tampons gegen das Patriarchat
Blutende Beine an der Bar Bild: Ramona Schnall

Periodenarmut, Gender Pay Gap, Pink Tax - die finanzielle Benachteiligung von Frauen und anderen menstruierenden Menschen ist in Europa noch immer ins System geschrieben. Der Kampf um die Gleichberechtigung der Geschlechter beginnt bei alltäglichen Hygieneprodukten wie Tampons, doch hört dort noch lange nicht auf. Ein Kommentar von Ramona Schnall.

“Nur weil Frauen wegen Tampons verarmen, heißt das doch nicht, dass ich es auch soll“, meinte mein Freund Samuel* zu mir. Wir standen vor dem dm-Regal und blickten auf die o.b.-Tampons für 5,95 €. Während unseres Café-Dates hatte sich meine Periode vom spontan vorbeischauenden Frühling inspirieren lassen und zu einem kleinen blutigen Fauxpas geführt - und dazu, dass zwischen Samuel und mir die WG-Tampon-Debatte im dm entfachte: Sollten Männer Tampons wie Spülmaschinentabs für die WG auf das Kassenband werfen - als Akt der Solidarität?

Antwortete Samuel mit unverständlichem Blick und einem “Nein, denn was haben Tampons mit Solidarität für Frauen zu tun?”

Zeigten sich mir die unterschiedlichen Lebensrealitäten und Wahrnehmungen zwischen den sozialisierten Geschlechtern.

Bild: Ramona Schnall

Denn was ich anstarrte, war ein Symbol patriarchaler Unterdrückung der Frau. Nicht wegen des Tampons an sich, sondern wegen des Preises von 5,95 €. Wenn Samuel im Regal auf Tampons blickt, sieht er “extra saugfähig” neben “normal”, mit einem Preisunterschied von 4 €.

Samuel sieht ein Produkt, das man halt kaufen muss - als Frau. Doch für die WG? Er blutet ja schließlich nicht, und seine Mitbewohnerinnen würden ja auch nicht Rasierer für Bärte mitfinanzieren wollen.

Natürlich hat er recht. Ungern würde ich die Kosten von Gillette-Rasierklingen neben denen von meinen Tampons tragen.

Bild: Ramona Schnall

Doch der Unterschied zwischen Bärten und Menstruation ist, dass Samuel mit seinen Barthaaren nicht die Reproduktionsarbeit der Welt leisten muss: Kinder gebären. Sein Bart kann die Hygiene einer Toilettenschüssel haben, etwas, dass manche Bärte schon vollbracht haben, und er wird nur seine küssenden Partner*innen ärgern.

Wenn ich Hygiene in meinem Intimbereich vernachlässige - für die Menstruationsprodukte entscheidend sind - folgen bakterielle Vaginose, unangenehmer Geruch und ein Juckreiz, der das Laufen zur quälenden Herausforderung macht.

Ohne Menstruationsprodukte können Frauen das Haus nicht verlassen, arbeiten und schlicht am Alltag teilnehmen, wie die EU feststellte. Tampons machen Frauen überlebensfähig in einer produktions- und funktionsbesessenen Gesellschaft, wie sie der Kapitalismus hervorbringt.

Dennoch: Mit der Meinung, dass Tampons einfach Produkte sind, die man kaufen muss, und dass ein solches auch mal 6 € kosten darf, weil für das, was man wirklich braucht, man ja auch Geld ausgeben kann - damit reiht er sich in eine Reihe privilegierter Menschen, die europaweit die Preise von Menstruationsprodukten bestimmen. Und nebenbei die Benachteiligung der Frau in die Finanzen schreiben.

Denn eine Frau zahlt jährlich im Durchschnitt 540 € für Menstruationsprodukte wie Schmerzmittel, Tampons oder neue Unterwäsche. Eine Zahl, die während der 40 Jahre, in denen eine Frau blutet, zu 21.600 € heranwächst. Das ist ein Preis, der zu dem Phänomen Periodenarmut führt, und zu Frauen, die im Einkaufsladen zwischen Nudeln oder Tampons entscheiden müssen.

Zwar scheinen 3 € bis 5 € für eine Tamponpackung auf den ersten Blick erschwinglich, doch auch in Deutschland zögert, laut einem Bericht von Plan International, jede zehnte Frau den Wechsel von Tampons heraus, weil im Hinterkopf der Preis einer neuen Tamponpackung rumort.

Bild: Ramona Schnall

In einer utopischen Welt müssten Frauen nicht wählen. In einer utopischen Welt wären Menstruationsprodukte umsonst - so wie in Schottland.

Die gegenwärtige Tampondebatte vermisst jedoch utopisches Gedankengut. Anstelle den Preis abzuschaffen, dreht sie sich um die Bepreisung und bei dieser hat die Steuer Mitspracherecht.

Steuern in Europa funktionieren so, dass die Länder zwischen den Gütern des täglichen Gebrauchs unterscheiden können, und denen, die es nicht sind: auch entbehrliche “Luxusgüter”. Ersteres hat in Deutschland 7 % Mehrwertsteuer, Letzteres 19 %.

Dass diese Unterscheidung willkürlich ist und mehr Spiegel der gesellschaftlichen Wertschätzung als rationale Gründe zeigt die Hafermilch besteuert mit 19 %, während Kuhmilch mit 7 % daher kommt, oder der Kindersitz, der mit 19 % besteuert wird, während Skilifte mit 7 % erleichtert werden.

Auch Tampons zählten lange in die Luxuskategorien - bis 2008 die EU ihre Gesetzeslage verändert hat, die eine flexiblere Besteuerung erlaubt und den Mitgliedsstaaten sogar ermöglicht, den Mindeststeuersatz von 5 % zu umgehen und Menstruationsprodukte steuerfrei zu erklären. Denn anders als Waren des täglichen Gebrauchs, so die EU, sind Tampons notwendig für die Gesundheit und Funktionsfähigkeit einer Frau.

Deutschland hat 10 Jahre später seinen Steuersatz von 19 % auf 7 % gesenkt - anders als Irland, das die Empfehlung der EU ernst nahm und Menstruationsprodukte als steuerfrei erklärte.

Die Absurdität, dass Kindersitze mehr Luxus sind als Skilifte, oder dass Tampons immer noch besteuert werden und nicht steuerfrei sind, sind Vorzeigebeispiel für das gesellschaftliche Ansehen von Reproduktionsarbeit.

Letztlich ist das Organ, das Kinder in die Welt setzt, Kinder selbst und der Kindersitz, in dem sie plärren, Frauensache und haben wenig zu tun mit Alltag - zumindest in dem des Steuermachers.

Bild: Ramona Schnall

Bild: Ramona Schnall

Doch sogar wenn man die Steuer auf Tampons beseitigen würde, bezahlen Frauen immer noch mehr für Hygieneprodukte als Männer. Und das nicht, weil sie zu teuren Holzrasierern greifen und Männer zu dem Plastikequivalent, sondern weil das gleiche Produkt - sei es Plastik oder Holz - für Frauen teurer ist.

Dieses Phänomen wurde auch mit einem eigenen Namen ausstaffiert: Pink Tax.

Allein die Farbe und das Wort “Dame” auf der Verpackung legitimiert in der Logik des Marktes den Preisunterschied. Am eindrücklichsten ist das Beispiel Rasierschaum, der 80 % teurer ist, wenn er in pink kommt.

Ungerechte Bepreisung und hohe Steuern, all das ließe sich vielleicht noch irgendwo nachvollziehen, wenn man nach dem Prinzip der Reichensteuer rechtfertigen würde: Mehr Verdienende zahlen auch mehr.

Doch so wie es um die Reichensteuer in Realität steht - nämlich dass sie faktisch nicht existent -, so steht es um das Vermögen von Frauen auch.

Frauen können höhere Rasiererpreise nicht einfach mit einem Glas von Champagner wegspülen, eher werden sie von der Rechnungen ertränkt.

Was Reichensteuer und Pink Tax gemeinsam haben, ist, dass sie beide politische Entscheidungen sind, die strukturelle finanzielle Benachteiligung in Steuergesetzen verankern - und besonders im Fall Pink Tax Frauen systematisch der Armut übergeben.

Die Gender-Pay Gap ist heute im EU-Durchschnitt immer noch bei 12 %. Das heißt gleicher Job, aber 12 % weniger Gehalt. Im Alter wird die Zahl noch düsterer. Frauen erhalten in Europa 38 % weniger Rente trotz gleichen Jobs, was auch zu dem Ausspruch führte: “Altersarmut hat ein weibliches Gesicht”.

Kurz gesagt: Es ist einfach scheiße, eine Frau zu sein - im finanziellen Sinn.

Bild: Ramona Schnall

Bild: Ramona Schnall

Wenn also Männer beim gleichen Job mehr verdienen, wenn Männer für die gleichen Produkte weniger zahlen, schlicht mehr Geld zur Verfügung haben, weil sie Männer sind und wenn Frauen, weil sie Frauen sind, verarmen, können Männer auch eine Packung von Tampons auf das Kassenband vom dm legen.

Klar können sich in Deutschland immer noch viele Frauen die 5,95 € für Tampons aus den Rippen leiern, ohne auf die Pasta-Pesto-Kombi am Abend zu verzichten, so ist es doch angesichts der finanziellen Diskriminierungen, die Verarmung in viele Lebensläufe fest verankert, ein Akt der Solidarität, Tampons in das WG-WC zu stellen. Es ist ein Akt der Anerkennung von den finanziellen Privilegien, mit denen das Patriarchat männlich gelesene Menschen übergießt. Es ist eine Erklärung, mit diesen Privilegien und den daran gekoppelten Benachteiligungen der Frauen nicht einverstanden zu sein. Damit enden Männer zwar nicht die Gender Pay Gap oder steuern der Altersarmut entgegen - was sie jedoch tun, ist, eine Botschaft an Frauen zu senden: “Du bist nicht alleine".

Es wäre ein “Du bist nicht alleine", das nicht nur im Lesen von feministischer Literatur auf Tinderprofilen oder in Cafés sichtbar ist.

Der Tamponkauf wäre eine Handlung, eine Alltagspraxis, die über schlichtes Wissen hinaus ein neu gelebtes Selbstverständnis von Geschlechtergerechtigkeit praktizieren würde. Die oft leere Aussage “Care-Work ist so wichtig", die in Diskussionen fällt, stünde solidarischer Handlung entgegen.

Eine Praxis, die durch das ständige Wiederholen des Tamponkaufs auch das Potenzial birgt, ein alltägliches Bewusstsein zu schaffen für die Welt der Frau. Eine Welt, die von Blut, Kindern und finanzieller Benachteiligung geprägt ist. Ein Bewusstsein, das, wie die Steuerpolitik für Kindersitze und Tampons zeigt, in unserer Welt heute immer noch fehlt.

Bild: Ramona Schnall

Vielleicht dann, wenn im Alltag die Welt der Frau die der männlich sozialisierten Menschen berührt, finden wir auch irgendwann in der Politik mehr Anerkennung für die Bedürfnisse von menstruierenden Menschen - und mehr Einsatz für Frauenrechte, etwa in der Abtreibungsdebatte.

Eine Woche nach der Tampondiskussion begegnete ich Samuel, wie er vollbeladen aus einem Supermarkt taumelte - die o.b.-Packung war gerade in seinem Tote Bag verschwunden.

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